Passend zum kommenden Seminar zum Thema Humor
Hier ein Auszug aus der Masterarbeit: Hospi-Clowns – Hilfen im Umgang mit Menschen am Lebensende am Beispiel von Clowns im Hospizbereich:
Clowns am Sterbebett, ist das nicht endgültig lächerlich, unpassend und taktlos? Clowns arbeiten im Zirkus, unterhalten Menschen, die einen lustigen Nachmittag genießen wollen. Die kleinen und großen Besucher lachen über den Auftritt. Clowns sind gekennzeichnet durch ihre auffällige Erscheinung mit fröhlich bunter, meist viel zu großer Kleidung sowie mit übertriebener Schminke. Sie gehen ohne Hemmungen und voller Freude auf ihr Publikum zu, leben in dem Moment nur für dieses. Sie wollen etwas zeigen und scheitern doch immer wieder. Sie geben sich der Lächerlichkeit der Zuschauer preis, werden ausgelacht. Sie übertreiben Dinge, Gesten, Sätze, Spiele. Sie tun unvernünftige Dinge gegen gesellschaftliche Normen. Ihr Humor und Witz entsteht aus dem Wechsel der Perspektive (Fey, 2012). Aber sie geben nie auf, genießen den Kontakt mit den Menschen und bleiben sich selbst immer treu. Ihr Lohn ist das Lachen und die Freude des Publikums, das für einen Nachmittag den Alltag vergisst.
In dieser Beschreibung steht, wieso Clowns auch im Hospizbereich eingesetzt werden können oder sogar sollten. Menschen am Lebensende fallen auch aus der Norm, sind alt, krank, leiden und trauern um die akute Endlichkeit ihres Seins. Sie stehen in einer Extremsituation und tun Dinge, die andern unvernünftig erscheinen. Ihre Kleidung ist häufig ebenfalls auffällig anders. Sie sind nicht erfolgreich, sie sind, wie man sagt, austherapiert (medizinischer Sprachgebrauch) und gescheitert. Sie brauchen Hilfe auch in intimen Dingen und fühlen sich peinlich berührt, ja lächerlich gemacht. Sie sind im Falle einer Demenzerkrankung verwirrt, verstehen sich selbst und die Welt nicht mehr.
Aber Menschen am Lebensende sind nicht nur fast tot, sie sind (auch) noch am Leben. Ein Clown verlangt keine kognitive Leistung, er freut sich am Da-Sein des Gegenübers. Beide, Zirkusclown und „Hospi-Clown“ (eigene Wortneuschöpfung für diese Arbeit), sind Außenseiter, das verbindet sie. Indem ein Clown aus der Norm fällt, übertreibt, sich selbst lächerlich macht, Regeln durchbricht, Humor und Freude in der bittersten Stunde wagt und somit den anderen sein lässt, wie er ist, kann der Partner nicht nur Krankheit spüren, sondern für einen Moment Genuss, Freude und Leben (Fey, 2012). „Das Leben hört nicht auf, lustig zu sein, wenn Menschen sterben. Ebenso bleibt es ernst, wenn Menschen lachen.“ (Shaw, o. A.)
Der Unterschied zwischen Zirkus- und Hospi-Clown scheint darin zu liegen, dass der Zirkusclown sich ein eigenes Programm gestaltet, eine „Ich-Produktion“ (Holthuizen, 2013, S. 35), welche dem Publikum ge- oder missfallen kann. Ein Hospi-Clown hat sein Repertoire und seine Clownsfähigkeiten, geht aber immer absolut individuell auf den einzelnen Menschen in der jeweiligen Minute oder Situation ein. Er kann weniger planen und ist mehr auf seine Kreativität angewiesen (Holthuizen, 2013).
Seit wann gibt es Clowns in der Medizin?1985 begann der Arzt Michael Christensen als Klinikclown, Kinder in Krankenhäusern zu erheitern. Daraus entwickelten sich Clownsvisiten mit sogenannten Lachwägen mit humorvollem Material (Titze, 2012). In Deutschland begann man 1994 mit den Clownsvisiten in Kinderkliniken, bald auch auf geriatrischen Stationen und dann in Alten- und Pflegeheimen. Es gibt vermehrt positive Erfahrungsberichte von Clowns (Holthuizen, 2013, BAGSO, 2013), die in Pflegeheimen und Senioreneinrichtungen Besuche abstatten. Sie beschreiben das Tätigkeitsfeld, die Ziele und Methoden ihrer Interventionen (Hill, 2017, Holthuizen, 2013, Hirsch, o. A.). An wissenschaftlichen Untersuchungen mangelt es noch. Seit 2017 läuft eine Studie zum Humor in der Palliativmedizin am Universitätsklinikum Bonn. Besonders für den Umgang mit Menschen mit Demenz und ihrem herausfordernden Verhalten haben sich Clownsbesuche bewährt (Hirsch, 2015). Sowohl die Patienten als auch Angehörige und Pflegepersonal berichten überwiegend von ihren guten Erfahrungen mit den „Geri-Clowns“ (Hirsch, 2005, S. 7).
Saunders (1998) fand heraus, dass Menschen mit einer leichten Demenz abwertenden Humor zum Eigenschutz einsetzen. Walter (2007) belegte, dass Humorgruppen bei Menschen mit Demenz und Depression unterschiedliche Wirkungen zeigten. Während Menschen mit Depression positiv reagierten, war die Intervention für Menschen mit Demenz nicht effektiv. Vermutet wurde, dass die angewandten verbalen Techniken, die eher kognitiv orientiert waren, für Menschen mit Demenz evtl. nicht passend waren. Hirsch (2015) untersuchte den Effekt von Clownsvisiten in einer stationären Einrichtung durch wiederholte Befragungen der Mitarbeiter. Waren die Mitarbeiter zu Beginn eher skeptisch, entwickelten sie eine immer positivere Einstellung zu den Visiten. Wild untersuchte (2016) den Effekt von Clownsvisiten in der Psychiatrie und zeigte, dass sie im Verlauf immer positiver bewertet wurden und Humor von den Besuchten als Bewältigungsstrategie genutzt werden konnte.
Insgesamt steigt die Akzeptanz von Clowns bei den Besuchern ebenso wie bei den professionellen Betreuern und Angehörigen. Es gibt noch kein ausreichend gesichertes Wissen über den Effekt von Humorinterventionen. Rösner (2009) sprach allerdings davon, dass Effekte wie Zugang zu den Menschen, Beziehungsaufbau, verbesserte Kommunikation und Steigerung von Wohlbefinden belegt sind. Als Nebeneffekt zeigte sich, dass Pflegekräfte am Vorbild der Clowns lernen, Situationen leichter zu nehmen und der Clown somit therapeutische Funktion bewies. Aktuelle Studien laufen in Kooperation mit der Stiftung „Humor hilft Heilen“ unter Eckhardt von Hirschhausen am Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart und dem Institut Rheingold.
Der Einsatz von Clowns im Hospiz- und Palliativbereich lässt sich meiner Meinung nach nicht komplett von dem in Alten- und Pflegeheimen trennen. Die meisten Menschen in deutschen Pflegeheimen sind betagt und leben in „Krankheit und Krise“ (Ruckgaber, 2016, S. 287). Menschen mit einer ausgeprägten Demenz sind in der letzten Phase ihres Lebens. Das Heim ist in der Regel die letzte Station auf ihrem Lebensweg.
Als Qualifikationsvoraussetzungen für Clowns werden eine fundierte pädagogische Ausbildung, eine empathische Haltung, Intuition, innere Aufgeräumtheit, innere Distanz (vermittelt durch Kleidung und Schuhe) sowie regelmäßige fachliche Supervision empfohlen (Fey, 2012). Die Häufigkeit der Besuche variiert je nach Organisation zwischen einmal monatlich bis mehrmals wöchentlich. Die Dauer der Besuche schwankt, „wo die Zeit der Patienten begrenzt ist, können wir umso mehr Zeit gebrauchen.“ (Hill, 2017, S. 15). Angebote im Hospiz können in der Gemeinschaft als „Happening“ (Hirsch, o. A.) stattfinden oder bei zunehmender Schwäche im Zimmer und am Bett. Clowns gehen real mit der Sterbesituation um (Fey, 2012). Während bei regelmäßigen Clownsvisiten oder Humorgruppen die Angebote aufeinander aufbauen können, sind Clownsbesuche geprägt vom Augenblick. Man gibt nicht dem Leben mehr Zeit, aber der Zeit mehr Leben, wie die Gründerin der Hospizbewegung Cecily Saunders gerne formulierte.
c/o Dorothée Grauer